| Gedankenstau |
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Dienstag, 26. April 2016
An meine Generation
enismo, 19:46h
Ich bin Jahrgang 1969 und gehöre zur „Generation Wohlstand“. Wie viele von Euch auch.
Wir sind aufgewachsen in einer (für Deutschland) kriegsfreien Zeit. Die mageren Nachkriegsjahre waren Vergangenheit und der Wohlstand hatte in Form von Farbfernsehern, eigenem Auto und Reisen an die Italienische Riviera bereits Einzug genommen. Zumindest im westlichen Teil des Landes sind wir in einer echten Demokratie aufgewachsen, haben uns immer sicher und frei fühlen dürfen. Die Wohnungen oder gar Häuser unserer Kindheit waren warm, es gab gutes Essen und Spielzeug war ausreichend vorhanden. Ein jeder von uns ist zur Schule gegangen, viele von uns haben eine sogenannte „höhere“ Bildung genossen. Dementsprechend bekommen wir heute meist ganz gutes Geld für unsere Arbeit, die wir häufig sogar auch noch sehr gerne machen. Klar, wir haben uns vieles selbst erarbeitet – wir waren fleißig, ehrgeizig, haben auch so manche finanzielle Durststrecke hinter uns gebracht. Aber den Boden für unseren heutigen Wohlstand haben unsere Eltern und Großeltern bereitet. Trümmerfrauen, die mit Einsatz ihrer Hände Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes wieder aufbauten. Väter, die neben einem 48h-Job zusätzlich Abendschulen besuchten, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Millionen Menschen, die sich eine komplett neue Existenz wieder aufgebaut haben. Und ganz nebenbei mussten Traumata überwunden und Tote betrauert werden. Mein Vater stammte aus Schlesien und musste mit 17 Jahren in den Krieg ziehen, an die Ostfront. Er kam als ein für sein Leben gezeichneter Mensch zurück. Er hatte nicht nur seine Jugend, sondern auch seine Heimat verloren, er war ein Vertriebener. Meine Mutter wuchs in einem Hamburger Vorort auf und hat im Alter von 10 Jahren den Feuersturm mitbekommen. Glücklicherweise hat sie reichlich von dem, was man heute „Resilienz“ nennt. Heute noch, fast 81 Jahre alt, denkt sie jedes Jahr am 6. März daran, wie im Jahre 1945 die ersten Flüchtlinge aus Ostpreußen vor der Tür standen, plötzlich mit im Haus wohnten und an den sowieso nicht allzu üppigen Mahlzeiten teilnahmen. Meine Eltern hätten beide Anlass gehabt, Feindbilder aufzubauen und zu pflegen. Sie hätten aus einer in den tiefsten Schichten ihrer Seelen sitzenden Verunsicherung heraus mit allen Mitteln um jeden Pfennig ihres hart erarbeiteten Wohlstands kämpfen können und dabei nichts und niemandem etwas abgeben wollen. Sie hätten neidisch auf die gucken können, die es in ihrem Leben leichter hatten oder es sich vermeintlich leichter machten. Sie hätten aufgrund von selbst erfahrenem Unglück die Haltung einnehmen können, dass sie ab jetzt ein Recht auf Glück und Wohlstand haben. Aber meine Eltern – und sicherlich nicht nur sie - waren einfach nur dankbar, ein Leben in Sicherheit, Freiheit und Wohlstand führen zu können. Ihnen war jederzeit bewusst, dass sich weder in Deutschland selbst, noch im Rest der Welt alle Menschen so glücklich schätzen konnten. Und auch mich haben meine Eltern Dankbarkeit und Genügsamkeit gelehrt. Außerdem haben sie mir vermittelt, dass es in jedem Land, in jeder Kultur, gute und schlechte Menschen gibt. Und dass Anderssein normal ist – je nachdem , aus welcher Perspektive man es betrachtet. Darüber hinaus haben sie mir etwas mitgegeben, was eigentlich Grundkompetenz eines jeden Menschen ist: die Fähigkeit, Anteilnahme zu üben und sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Bis vor Kurzen war es für uns alle weit weg, das Elend anderer Menschen in dieser Welt. Man hat mitgefühlt, ja. Ein Stück weit zumindest, denn ehrlicherweise ist man durch die jahrzehntelange Nachrichtenberichterstattung ja irgendwie auch abgestumpft. „Ach, schon wieder 20 Tote bei einem Selbstmordattentat in Afghanistan? Das ist wirklich schlimm! Reichst Du mir mal die Butter, Schatz?“ Das Grauen war bedauernswert, aber wirklich betroffen hat es uns nicht. Wir haben auf unserer Insel der Glückseligkeit gesessen und den süßen Schlaf der Verdrängung geschlafen. Aktives Wegsehen sozusagen. Aber plötzlich steht das Elend in Form von erschöpften, dreckigen und verzweifelten Menschen vor der Tür - ganz real und verdammt nah. Von unseren Kindern erwarten wir mehr Bescheidenheit, mehr Dankbarkeit und Anerkennung für das, was wir und die Gesellschaft ihnen heutzutage bieten. Wir halten sie für unmäßig, fordernd und verwöhnt und regen uns fürchterlich darüber auf. Aber wie steht es eigentlich mit uns? Wie maulige Kinder fordern wir, dass unsere heile Welt so bleibt, wie wir sie von Geburt an kennen – beschaulich und bequem und ohne größere Herausforderungen. Wovor haben wir eigentlich Angst? Dass unser persönlicher Anteil an der deutschen Wohlstandstorte kleiner wird? Dass „fremd“ ein Synonym für „böse“ ist? Dass unsere Werte entwertet werden? Und was sind denn eigentlich „unsere“ Werte? Haben wir tatsächlich Angst vor der Unterwanderung unseres christlichen Glaubens? Hat sich dieser hier bei uns nicht in den letzten Jahrzehnten bereits selbst schon systematisch abgeschafft? Ich kann Euch sagen, wovor ich Angst habe. Ich habe Angst, dass sich an noch vielen weiteren Orten der Welt über Armut und Ungerechtigkeit Massen rekrutieren lassen, die gegen eine bornierte, ignorante oder einfach auch nur naive, reiche Welt zu Felde zu ziehen. Und das angefeuert durch die manipulative Wirkung einer – meiner Meinung nach beliebigen – Religion. Und ich habe Angst, dass für all die bereits in schlimmsten Kriegen aufgewachsenen Kinder Gewalt und Grausamkeit irgendwann so normal wird, dass sie nicht einmal mehr fähig sind, ihre eigenen Schmerzen, geschweige denn die anderer Menschen, zu spüren. Deutschland, so wie wir es verstehen, ist noch keine 150 Jahre alt. In dieser kurzen Zeit gab es bereits zwei verheerende Kriege und die Grenzen unseres Landes haben sich schon mehrmals deutlich verändert. Unsere Generation ist rein zufällig in ein stabiles, friedliches und komfortables „Zeitfenster“ hineingeboren worden. Aber die Welt entwickelt sich weiter, durch die Globalisierung noch dynamischer als zuvor. Wie können wir ernsthaft glauben, wir können nur die Vorteile der globalen Entwicklungen abschöpfen, ohne auch mit den vermeintlichen Nachteilen konfrontiert zu werden? Keiner sagt, dass es leicht werden wird. Die Flüchtlingskrise wird möglicherweise zur ersten wirklichen Herausforderung unserer Generation werden. Eine finanzielle und vor allem kulturelle Herausforderung. Ein Prüfstein im Hinblick auf unsere europäischen Werte. Eine Gratwanderung zwischen Toleranz, Offenheit und Solidarität auf der einen, und Kompromisslosigkeit, Identitätswahrung und Forderungen auf der anderen Seite. Aber nicht nur Menschen, auch ganze Gesellschaften wachsen an Veränderungen und an den Aufgaben, die ihnen gestellt werden. "Alle Hindernisse und Schwierigkeiten sind Stufen, auf denen wir in die Höhe steigen" (Nietzsche) ... comment |
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Letzte Aktualisierung: 2016.04.26, 19:46 status
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Ich bin Jahrgang 1969 und gehöre zur „Generation... by enismo (2016.04.26, 19:46) |
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